Montag, 2. Januar 2012
1928 - Am Rolandsbogen
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Die Erinnerung an die zerstörten Häuser von Remagen haben mich schon als Kind zum Kriegsgegner werden lassen.
In den Trümmern von Remagen
aufgewachsen habe ich mir seit frühester Kindheit Gedanken zum Krieg
gemacht, ob von Staatshäuptern oder Industriellen ausgehend, ob der Krieg sich
gegen den Menschen richtet oder gegen die Natur. (die letztendlich immer beide
betroffen sind) Die Entwicklung der Waffen spricht nicht von Intelligenz
sondern von Verblendung und Selbstverliebtheit. Mein Fazit, kein Krieg ohne
Religion, Gier, Dummheit, Kurzsichtigkeit, Überheblichkeit. Kein Krieg ohne die
Denkweise der Krupps, Thyssen und Quandts.... Auf allen Kontinenten unserer
Erde fehlt Geld für Bildung und Nahrung, aber nirgendwo für Waffen. Still und
leise wurde während der letzten Fußballweltmeisterschaft die Luftwaffe der
Bundeswehr für Milliarden aufgerüstet, vor wenigen Wochen wurden wieder
Milliardenbeträge bewilligt. Sind wir bereit wieder zu töten? Leid über die
Menschheit zu bringen?
Wo bleibt der Aufschrei des
Volkes??
Und gleichzeitig wachsen in
unserem reichen Land Kinder in Armut auf, hungern, Bildung bleibt ihnen versagt,
kein Geld für Kita und Ganztagsschulen. (Ein gebildetes Volk ist nicht
manipulierbar) Die unteren Einkommensgruppen werden von unseren Machthabern
immer höher belastet, lässt die Reichen noch reicher werden. Es ist Zeit
aufzustehen, aber wer beginnt?
Leseprobe
Renate Conrad
Vom Schneckentöter
und anderem Wahnsinn
oder von der Lust zu leben
In liebevoller Erinnerung an Hildegard und Albert
Copyright Renate Conrad
Prolog
Kurt
liebte seine Arbeit als Schriftsetzer. Tatsächlich arbeitete er seit dem Beginn
der Weltwirtschaftskrise nicht mehr in seinem Beruf, und die begann mit dem Tag
seines Lehrabschlusses. Aber was bedeutete das schon. Die Überzeugung, dass
nach Beendigung dieses grässlichen Krieges, und wenn er die Zeichen richtig
deutete, musste er bald zu Ende sein, wieder mehr Zeitungen gedruckt und Bücher
verlegt würden, ließ ihn hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Dann würde er
seine Arbeit in dem Chemiewerk aufgeben, in dem er seit acht Jahren beschäftigt
war, das Ruhrgebiet verlassen, an den Niederrhein zurückkehren, wo seine
Pfälzer Vorfahren sich zu Zeiten Friedrich des Großen ansiedelten und zeigen,
was er gelernt hatte.
Obwohl er immer wieder feststellen musste,
seine Ausbildung, während der er von seinem Meister zur Genauigkeit, Sauberkeit
und Ordnung angehalten wurde, erleichterten ihm bei seinen verantwortungsvollen
Aufgaben in dem Chemiebetrieb, in den er dienstverpflichtet war, einige Dinge
erheblich. Nach elf Jahren Arbeitslosigkeit freute er sich über die Arbeit, die
ihn 1936 in eine Stadt ins Ruhrgebiet führte, die auf der grünen Wiese aus dem
Boden gestampft wurde und er genoss das neue Leben, wenn dem neuen Zuhause auch
der Charme und die Beschaulichkeit seiner mittelalterlichen Heimatstadt
fehlten. Denn er erhielt nicht nur Arbeit. Nachdem er sich selbst verriet,
seine Nähe zu den Sozialdemokraten verleugnete und in die NSDAP eintrat, bekam
er schon nach kurzer Zeit in der am Rande der Fabrik neu entstandenen Siedlung
eine kleine Wohnung zugeteilt und er konnte endlich nach acht Verlobungsjahren
heiraten. Aber warum die Obrigkeit
gerade ihn ausgesucht hatte, im Namen des Führers fünfzehn schwangere Frauen
auf den Weg durch das Ruhrgebiet bis in
die Abgeschiedenheit des Teutoburger Waldes zu begleiten, um beschützt vom
Schwert des Hermanndenkmals, das
siegessicher zu den Sternen zeigte, in Ruhe die Geburt ihrer Kinder
abzuwarten, war ihm rätselhaft. Zu dieser Aufgabe fühlte er sich nicht berufen,
auch wenn seine eigene Frau unter den Schwangeren weilte.
Äußerlich
ruhig, fast gleichmütig standen die Frauen klaglos am Bahnsteig in
Recklinghausen und fügten sich in ihr Schicksal. Aus allen Himmelsrichtungen
der von Luftangriffen bedrohter Städte angereist, vertrauten sie sich wortlos
seiner Obhut an und warteten mit ihm auf den Zug, der sie erst einmal nach
Dortmund bringen sollte. Von dort aus ging die Fahrt weiter nach Hamm, von Hamm
über Altenbeken in den Teutoburger Wald. Es lag in der Hand der Feinde, wie
schnell sie ihr Ziel erreichen würden. Lief alles nach Plan, würden sie die regelmäßig
von Bomben heimgesuchten Industriegebiete Westfalens bei Einbruch der
Dunkelheit weit hinter sich gelassen haben und führe kein Militärtransport über
ihre Strecke, dem sie weichen müssten, wären sie noch vor Anbruch des nächsten
Tages am Ziel.
Indem Kurt skeptisch die unterschiedlich
dicken Bäuche der Schwangeren betrachtete, betete er inständig, dass sich auch
nicht eine von ihnen verrechnet hätte und wirklich alle erst im sechsten oder
siebenten Schwangerschaftsmonat wären und keine von ihnen unter seiner Obhut
ihr Kind gebären würde.
Seit sechzehn Jahren kannte er Hetti und in
mancherlei Situationen verwirrte ihr Verhalten ihn immer noch. Seine
temperamentvolle Frau nahm gelassen alle Unwegsamkeit auf sich, die die
Schwangerschaft in dieser unruhigen Zeit und in ihrem Alter mit sich brachte.
Er war schon seit Jahren davon überzeugt, ihre Ehe blieb kinderlos und es
gefiel ihm, dass Hettis Aufmerksamkeit ihm allein gehörte und dann, als die
Luftangriffe im Ruhrgebiet vermehrt geflogen wurden, Tag und Nacht auch ihre
Stadt zum Ziel nahmen, sie fast jede Nacht im Luftschutzkeller verbrachten und
er sich nicht darauf verlassen konnte, dass sie auch in den Zeiten, in denen er
seinen Dienst versah, rechtzeitig in den Bunker lief und den Beutel mit allen
wichtigen Papieren, den er ihr immer zurecht legte, mitnahm, teilte Hetti ihm
in einer der kostbaren ruhigen Stunden glückstrahlend mit, sie sei schwanger.
Jetzt würde sie fortgehen. Ärger und
Aufregung über Stoffreste und Garnrollen, die trotz seiner ständig zum Ausdruck
gebrachter Missbilligung auf dem Tisch und auf den Stühlen herum lagen blieben
ihm erspart. Wenn er nach seiner zwölfstündigen Nachtschicht müde und ausgelaugt in seine Wohnung käme,
würde Ordnung herrschen.
Zorn
stieg ihn ihm auf, wenn er in Hettis entspanntes ruhevolles, ja, glückliches
Gesicht sah. Die Trennung schien sie nicht zu berühren. Alles drehte sich nur
um ihr ungeborenes Kind, von dem sie überzeugt war, dass es ein Junge sei und
sie ihn Simon nennen wollte. Er protestierte. In seiner Familie hießen die
Männer August, Heinz und Fritz – aber Simon? Wie kam sie auf diese ausgefallene
Idee? Und warum betonte sie den Namen so eigenartig? Sollte wohl französisch
klingen. Auf seine Frage zuckte sie nur mit den Schultern und sah ihn verträumt
an.
„Du
wirst schon sehen, der Name wird zu ihm passen!“ Was sollte er mit dieser
Antwort anfangen. Unwillig drehte er sich um und sah erleichtert, der Zug fuhr
im Bahnhof ein.
Der
Führer besaß ein Herz für Kinder, verehrte ihre Mütter und hatte dafür gesorgt,
dass es ihnen in der Fremde an nichts fehlen würde. Schließlich wollte er die
Welt verändern und würde zum Erlangen
seiner Ziele auch in zwanzig Jahren noch treu ergebene Kämpfer benötigen.
Bereits beim Antritt der Fahrt erkannten die
Frauen die ihnen entgegengebrachte Achtung und Fürsorge. Auf dem Bahnsteig
standen Helfer bereit, die ihnen beim Einsteigen in den reservierten Waggon
behilflich waren und das Gepäck verstauten. Nachdem sie auf dem Bahnsteig
bereits ihre Meinung über die Reisegefährtinnen gebildet hatten, bei der einen
Sympathie und der anderen Abneigung empfanden, versuchte jede ihren Platz so
einzunehmen, dass sie für die Reisezeit eine angenehme Gesprächspartnerin an
ihrer Seite haben würde und es dauerte nur einen kurzen Augenblick, bis alle
ihre Plätze eingenommen hatten. Nur Kurt lief noch hektisch den Bahnsteig
hinauf und hinab, „Ist alles eingepackt. Hat keine von euch etwas vergessen?“
Als er sich vergewissert hatte, dass weder
Gepäckstücke noch Schwangere auf dem Bahnsteig standen, lief er durch den
Waggon, zählte die ihm von seinem verhassten Führer anvertrauten Frauen,
stellte befreit fest,
„Alle
im Zug!“ und ließ sich erschöpft auf die Sitzbank fallen.
Schweiß
rann von seiner Stirn. Sobald eine Frau auf ihrem Platz ein wenig hin- und her
rutschte stieg sein Blutdruck in schwindelerregende Höhen. Bei jedem Rumpeln,
dass das gleichmäßige Rattern des Zuges aus dem Takt brachte und von den harten
Holzbänken ungedämpft auf die Reisenden übertragen wurde, schoss Kurt in die
Höhe. In seiner Vorstellung musste das heftige Schütteln auf den vielfach
ausgebesserten Schienensträngen bei den meisten der Frauen vorzeitige Wehen
auslösen. Weiter wagte er nicht zu denken.
An der ersten Station stieg eine Gruppe
junger Soldaten in den Zug und Kurt dünkte es, sie suchten zielstrebig den
Kontakt zur Weiblichkeit. Die ersten setzten sich bereits in die Nähe der
Frauen, deren reizende Erscheinung und einnehmendes Lächeln eine kurzweilige
Fahrt versprach, als die noch einen Platz suchenden in ihrer Bewegung inne
hielten und beklemmende Stille einkehrte, nur unterbrochen vom Klang der
Räder. Die Männer nickten sich zu,
vermieden es die Frauen anzusehen und murmelten verlegen einen Gruß und während
sie sich wieder der Tür zu wandten, durch die sie erst vor ein paar Minuten das
Abteil betraten, murmelte der mutigste von ihnen in Kurts Richtung,
„Wir sind im falschen Waggon!“ und
geschlossen verzichteten sie auf die Unterhaltung der Frauen. Das war zu viel
der Weiblichkeit.
Die
Soldaten fanden Kurts Verständnis. Angesichtes der geballten Ladung dicker
Bäuche und bebender Busen hätte er ohne zu zögern jede sich ihm bietende
Möglichkeit genutzt in ein anderes Abteil zu flüchten. Wie groß war schon sein
Unbehagen, wenn Hetti ihn aufforderte, seine Hand auf ihren Bauch zu legen,
damit er die Bewegung des Kindes spüren und seine täglich zunehmende Kraft
gewahren konnte.
Zwei Marinesoldaten betraten das Abteil,
sahen in den Augen der Frauen den Wunsch nach Ablenkung, setzten sich in ihre
Mitte und es dauerte nur eine kleine Weile, schon erzählten sie erheiternde
Vorkommnisse aus ihrem Soldatenleben. Kurt schüttelte unwillig den Kopf. So
vergnüglich konnte das Leben bei der Marine nicht sein! Da hatte er anderes
gehört. Aber die Frauen ließen sich von den Erzählungen der jungen Männer
beeindrucken und lachten mit ihnen, für den Augenblick von Sorgen befreit. Als
die Gruppe in Dortmund aus dem Zug stieg und auf den Anschlusszug wartete,
schienen sie wie ausgetauscht. Kurt kannte die Frauen kaum wieder, und hätte
nicht seine Unsicherheit und Verlegenheit und der dicke Kloß, der seit einigen
Tagen unverrückbar fest in seiner Kehle steckte, ihn daran gehindert, er hätte
in das gemeinsame Lachen eingestimmt, um den unbeschwerten Moment mit seiner
Frau zu teilen, statt skeptisch den Wahrheitsgehalt der Geschichten zu
hinterfragen und immer wieder unwillig seine Frau anzusehen, die von allen am
überschwänglichsten lachte.
Entsetzt vernahm Kurt das gehasste Signal der
Sirenen, die einen bevorstehenden Luftangriff ankündigten. Schon als er den
Auftrag erhielt, die Frauen zu begleiten, war ihm bewusste, dass dies nicht
ohne Störungen möglich sein würde. Und jetzt das! Ein Bombenalarm am frühen
Morgen! Gegen seinen Willen sprach er im Stillen den beiden Marinesoldaten, die
höchstens dreiundzwanzig, vierundzwanzig Jahre alt waren, seinen Respekt aus,
die Ruhe bewahrend die Frauen mit ihrem Gepäck in die unteren Stockwerke des
Bahnhofs geleiteten. Kaum hatten alle einen einigermaßen bequemen Platz
gefunden wurde weiter geschnattert und gelacht und als die Frauen erfuhren, die
jungen Männer würden im selben Zug weiterfahren wie sie, kannte der Jubel keine
Grenzen. Begeisterte Zustimmung fand Hettis Vorschlag sich mit dem Vornamen
anzureden und das Barrieren aufbauende „Sie“ gegen ein freundschaftliches „Du“
einzutauschen. Kurzerhand wurden die jungen Soldaten aufgefordert sich am
Austausch ihrer Lebensgeschichten zu beteiligen und die Reisegesellschaft
erfuhr, Hardy und Mattei kannten sich seit den frühen Kindertagen, meldeten
sich beide schon vor Beginn des Krieges zur Marine, wurden zu Funkern
ausgebildet und die Erfordernisse der Zeit brachte sie kürzlich zur selben
Einheit.
Nahm Kurt während des Bombenalarms auch die
Hilfe der jungen Leute dankbar an, änderte er seine Einstellung zu ihnen nicht
und hoffte, die Verteilung der Plätze im nächsten Zug würde die Weiterfahrt der
Fremden in
seinem Abteil unmöglich ....
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Sonntag, 1. Januar 2012
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Der
Klappentext
Hanna
Elisa fliegt gemeinsam mit ihrem Mann in den Mittleren Osten, um ihre Tochter
und das neugeborene Enkelkind zu besuchen. Auf dem langen Flug führen die
Gedanken sie in eine Zeit, die sie nur aus Erzählungen ihres Vaters und ihres
Großvaters kennt, verfangen sich in den unruhigen Zeiten ihres eigenen Beginns.
Es
begann alles auf einer Hochzeit, als die fröhliche Lilli dem Marinesoldaten
Hardy begegnete, der einst ausgesandt wurde die Welt zu erobern. Der ehemalige
U-Boot Funker Hardy, Sohn eines Bergarbeiters oft nur knapp dem Tod auf den
Weltmeeren entronnen und Lilli, ein unbekümmertes rheinisches Mädchen, planten
voller Zuversicht ihre gemeinsame Zukunft. Tatkraft und Ideenreichtum,
Optimismus und Humor prägten ihre Taten, die sie auch die schwierigsten Zeiten
überstehen lässt. Hanna Elisa erlebte zwei Welten. Da war Lillis Familie,
angeführt von Jakob, dessen hohes Ansehen im Dorf ihn zum Berater der
Unsicheren machte. Von ihm lernte Hanna Elisa schon früh, sich einzumischen und
die streng katholische Großmutter, die dem Kind nicht erlaubte am Morgen vor
dem Beten zu singen. Im Ruhrgebiet lebten Hardys Eltern, unpolitisch und nicht
nur zu Jakobs Entsetzen waren sie einst Befürworter Hitlers Politik. Erst als
die Auswirkung des Krieges auch ihre Familie erreichte entstanden Zweifel. Hier erlebte Hanna Elisa Urlaubstage ohne
Fesseln, Zusammentreffen der Nachbarschaft auf der Bank unter dem Fliederbaum,
gemeinsames Musizieren, Toleranz - aber auch das Auseinandergehen der
langjährigen Gemeinschaften, als der Fernseher seinen Siegeszug antrat.
Leseprobe
Frühling
1997
An
manchen Tagen zweifelt Hanna Elisa, ob es ratsam ist in den alten Fotos zu
kramen. Oft schmerzte es, die so weit von ihr entfernt lebenden, so nah zu
sehen. Das aufgeschlagene Fotoalbum liegt vor ihr auf der Erde und versonnen
betrachtet sie die Bilder des Sommers vor einem Jahr und denkt daran, wie sie
ihrem Enkel die Bilder der eigenen Kindheit zeigte. Verwundert hatte er sie
beim Anblick der Fotos angeschaut ungläubig gefragt,
„Das
kleine lockige Mädchen bist du? Nein Oma, das ist nur der Beginn einer neuen
Geschichte!“
„Nein,
nein, mein Schatz, das ist die Wirklichkeit. Alle Menschen kommen klein zur
Welt, werden Jahr für Jahr größer bis sie erwachsen sind und sie sind so
unterschiedlich wie die Steine, die wir vor wenigen Tagen zusammen am Strand
sammelten. Manche werden dick und klein, andere dünn und groß, vielleicht auch groß und dick, und denke nur
an den Blumenverkäufer in Avila, dann weißt du, kleine dünne Menschen gibt es
auch. Einige Menschen sind fröhlich, andere ernst. Es gibt die lieben und die
bösen, denen man am besten aus dem Weg geht und die herzensguten, von deren
Seite niemand weichen will, weil sich jeder in ihrer Nähe so geborgen fühlt. Da
sind noch die stillen Menschen und die, die ständig reden, obwohl sie nichts zu
sagen haben und die ignoranten, die tollpatschigen und die geschickten. Nur
eins trifft auf jeden Menschen zu, er ist einzigartig und auch dich Noah gibt
es nur einmal auf der Erde“.
Andächtig hörte der Kleine ihr zu, in jeder
Hand ein kleines Auto, mit denen er über riesige Phantasiestraßen um sie herum
fuhr, immer wieder einen Blick auf ihre Fotos werfend und sie blickte
abwechselnd auf das spielende Kind und auf das Foto in ihrem Album.
Sie sah sich auf der Wiese am Hang sitzen,
kleine Blumen in der Hand, fühlte sich in den längst vergessen geglaubten
Frühlingstag zurück versetzt. Fragte sich, was davon bin noch ich, - beeinflussen Erinnerungen und Erfahrungen aus
dieser Zeit, in der mir nur Liebe und Zuverlässigkeit begegnete, noch meine
heutigen Handlungen?
Zur
Zeit der Baumblüte, von der das Foto erzählte, war sie achtzehn Monate alt,
einer rundlichen pausbäckigen Puppe ähnlich.
Wie anders sahen die Erwachsenen aus, eingefallene Wangen, schlotternde
Anzüge und zu weite Kleider an ausgemergelten Körpern und selbst das glückliche
Lachen über die wieder erlangte Freiheit, das Zusammentreffen der Familie an
einem herrlichen Frühlingstag, verdrängte die Panik und die Angst über das in
der Vergangenheit erlebte nicht aus ihren Augen.
Der
Zeit entsprechend war das Bild schwarzweiß. Verblüfft sah Noah sie an,
„Oma
wo hast du die Farben verloren?“
„Nein
mein Kind, ich habe sie nicht verloren, sie sind alle noch in meinem Kopf“.
Unzählige Male besuchte sie bis in die ersten
Jahre ihrer Ehe diese Wiese zur Zeit der Obstblüte und sie schilderte dem
blonden Jungen an ihrer Seite die Farbenvielfalt, die das kleine Mädchen Jahr
für Jahr verzauberte. Die von ihrer
Mutter bereits vor ihrer Geburt gestrickten, mit kleinen bunten Blumen
bestickten weißen Wolljacke, den blauen weiten Rock, aus einer alten
Marineuniform ihres Vaters genäht, Vorkriegsware, konnte sie sich mit den
Geschichten ihrer Entstehung gut ins Gedächtnis rufen. Nachdem sie aus diesen
Sachen heraus gewachsen war, wurden sie noch Jahre später von ihren Cousinen
getragen. Sie liebte diese Wiese, und beim Blättern in den Fotos schien es ihr,
der Duft der Frühlingstage hüllte sie immer noch ein, begleitete sie bis in die
Gegenwart, um sie vor den unechten synthetischen Gerüchen einer egoistischen,
verlogenen, doppelzüngigen, nur den lauten Äußerlichkeiten, Effekten und
Schlagzeilen hinterher jagenden Meute zu schützen, und für einen kostbaren
Augenblick verdrängte der zarte Frühlingsduft aus glücklichen Kindertagen die
kalte übel riechende Aura der Menschen aus ihrer Nähe, die ohne Rücksicht auf
das Erhaltenswerte nur an ihrem Profit interessiert waren, die Stunde für
Stunde mehr Raum in der Gesellschaft einnahmen, das Tagesgeschäft bestimmten.
Sie
liebte die Frühlingsblumen, die Kirschbäume, den kleinen Bach und das Gefühl
der Freiheit, dass sie auch später bei der Erinnerung an diese Ausflüge stets
empfand. Das Versprechen wieder kommen zu dürfen, wenn das erste Obst reif war,
schenkte ihr Sicherheit und sie sah sich hinter den Erwachsenen den Berg hinauf
hüpfen, die mit Leitern und Körben beladen auf dem schmalen steilen Patt
liefen, erinnerte sich, wie sie sich wieder und wieder umschaute, ihren
Großvater Jakob nachahmend, der oft stehen blieb, um zu verschnaufen und
unentwegt feststellte, es gäbe keine schönere Aussicht auf der Welt, als von
hier auf den Rhein zu schauen, auf das Siebengebirge mit dem Drachenfels.
„Nirgendwo
auf der Welt ist die Landschaft so großartig, nirgendwo ist das Obst so saftig
und süß, der Kohl so dick und fest, der Spargel so zart. Ein Segen ist es, dass
wir all diese Köstlichkeiten ernten können“. Hanna Elisa glaubte ihm. Denn
Jakob gehörte zu den Erwachsenen, zu
denen man als Kind absolutes Vertrauen haben konnte, der alle ihre Fragen
beantwortete und der sie mit seinem Tod zum ersten Mal enttäuschte. Als Jakob
starb, war Hanna Elisa vierzehn Jahre alt und bereits im Augenblick seines
Todes spürte sie, dass er ihr fehlen würde, sein Verständnis, seine Geschichten
und sein Weitblick, über den sie sich im nach hinein wunderte. Schließlich war
er kaum aus seinem rheinischen Dorf heraus gekommen. Allerdings hatte er seit
seinem vierzehnten Lebensjahr für die Reichsbahn, später Bundesbahn,
gearbeitet, hatte in der Rotte angefangen und sich zum Stellwerksleiter
hochgearbeitet, und wenn sie heute darüber nachdachte, über all die Züge, denen er hinterher sehen durfte, mit
ihnen seinen Gedanken freien Lauf lassen konnte, war sie überzeugt, dass ihm diese Arbeit half über
den dörflichen Rahmen, in dem er lebte und sich verwurzelt fühlte, hinaus zu
denken.
Entschlossen
schlug Hanna Elisa das Fotoalbum zu. Aber es gelang ihr nicht in die Gegenwart
zurückzukehren. Versonnen blieb sie auf dem Teppich sitzen. Fünf Jahre war es
her, dass ihre Tochter Laura das Elternhaus verlassen hatte, um ihren
Lebensmittelpunkt in den Mittleren Osten zu verlegen und sieben Monate waren
bereits vergangen, dass sie mit Simon und den Kindern durch Felder und Wiesen
streiften und während sie auf ihren täglichen Spaziergängen Laura und dem Kind
aus den längst vergangenen Tagen erzählte, die sie auch nur durch die
unerschöpflichen Geschichten ihres Großvaters kennen gelernt hatte, glaubte sie
Jakobs Nähe und seine beschützende Aura zu spüren. Ihr Herz schlug höher, wenn sie daran dachte,
dass Laura den alten Brauch des
Geschichtenerzählens in der Familie weiterführte. Als sie Sven nach Bahrain
folgte, Verantwortung für Kinder, Haus und Garten übernahm und in der
traditionellen Rolle der Frau lebte, erkannte sie, egal in welches Land der
Erde, in welche Kultur, sie durch Svens Beruf noch verschlagen würde, nichts
war wichtiger, als den Kindern ein zuverlässiger Ruhepunkt in einem unruhigen
Leben zu sein. Diese Einstellung gab ihr die Geduld auf den Zeitpunkt zu warten,
an dem die Kinder beginnen würden eigene Wege zu gehen und sie nutzte ihre
Kreativität und ihre Talente im häuslichen Bereich, erfand nicht nur zu Noahs
Vergnügen phantasievolle Geschichten und originelle Spiele. Nie gingen ihr die
Einfälle aus, die alle zum Lachen brachten und vergessen ließen, das man den
Pool, den Spielplatz und das Meer, die vor der Haustür lagen, an den
unerträglichen Tagen der heißen trockenen Wüstenwinde, die aus Saudi Arabien
kamen, nur vom Fenster aus betrachten konnte. In Lauras Obhut verwandelte sich
der Tag in einen Traum für Zaubergestalten und alle die ihr zuhörten vergaßen
mit Hilfe ihrer Worte Raum und Wirklichkeit und die gut funktionierende
Klimaanlage ließ die Besucher die barbarische Hitze, die auch nachts nicht von der
Insel wich, unwirklich erscheinen. Es war ihnen bereits entfallen, dass sie
erst vor wenigen Stunden bei ihrer Ankunft darüber klagten, das die Hitze und
die Luftfeuchtigkeit ihnen fast den Atem nahm. Und während sie am Fenster
standen, über das Meer blickten und Lauras Geschichten lauschten, glaubten sie
dem unermüdlichen Wind, der verführerisch mit leichtem Säuseln durch die
mächtigen Kronen der Palmen wehte, dass er die ersehnte Abkühlung bringen
würde. Wenn ein Besucher die Terrassentür öffnete, einen Schritt auf den Rasen
trat, um die kühle frische Luft zu spüren, die er durch das Fenster
wahrgenommen hatte und statt einmal tief durchzuatmen, erschrocken ins Haus
zurück eilte, lachte Laura und während der Besucher seine Arme in dem Glauben
betrachtete, entstellende Verbrennungen zu sehen, erzählte sie, dass sie im
ersten Jahr ihres Hier seins zu oft auf
die Verführungskünste des Windes hereingefallen sei. Sie verschwieg, dass sie
an manchen Tagen Tränen überströmt wieder ins Haus gerannt war, von Sehnsucht
nach einem kühlen deutschen Sommer erfüllt. Und der Wind zog ohne Erbarmen
weiter über die märchenhafte Insel. Statt Kühle zu bringen, trocknete er in
kurzer Zeit die zarten Blüten der Bäume und Sträucher aus, raubte das letzte
Tröpfchen Wasser, das sich in einer Baumrinde verborgen hielt und versteckte
die Farben der Insel unter einem Schleier aus heißem Sand.
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