Montag, 2. Januar 2012

Leseprobe




Renate Conrad


Vom Schneckentöter
und anderem Wahnsinn

oder von der Lust zu leben 


In liebevoller Erinnerung an Hildegard und Albert 

Copyright  Renate Conrad




Prolog

Kurt liebte seine Arbeit als Schriftsetzer. Tatsächlich arbeitete er seit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise nicht mehr in seinem Beruf, und die begann mit dem Tag seines Lehrabschlusses. Aber was bedeutete das schon. Die Überzeugung, dass nach Beendigung dieses grässlichen Krieges, und wenn er die Zeichen richtig deutete, musste er bald zu Ende sein, wieder mehr Zeitungen gedruckt und Bücher verlegt würden, ließ ihn hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Dann würde er seine Arbeit in dem Chemiewerk aufgeben, in dem er seit acht Jahren beschäftigt war, das Ruhrgebiet verlassen, an den Niederrhein zurückkehren, wo seine Pfälzer Vorfahren sich zu Zeiten Friedrich des Großen ansiedelten und zeigen, was er gelernt hatte.  
     Obwohl er immer wieder feststellen musste, seine Ausbildung, während der er von seinem Meister zur Genauigkeit, Sauberkeit und Ordnung angehalten wurde, erleichterten ihm bei seinen verantwortungsvollen Aufgaben in dem Chemiebetrieb, in den er dienstverpflichtet war, einige Dinge erheblich. Nach elf Jahren Arbeitslosigkeit freute er sich über die Arbeit, die ihn 1936 in eine Stadt ins Ruhrgebiet führte, die auf der grünen Wiese aus dem Boden gestampft wurde und er genoss das neue Leben, wenn dem neuen Zuhause auch der Charme und die Beschaulichkeit seiner mittelalterlichen Heimatstadt fehlten. Denn er erhielt nicht nur Arbeit. Nachdem er sich selbst verriet, seine Nähe zu den Sozialdemokraten verleugnete und in die NSDAP eintrat, bekam er schon nach kurzer Zeit in der am Rande der Fabrik neu entstandenen Siedlung eine kleine Wohnung zugeteilt und er konnte endlich nach acht Verlobungsjahren heiraten.   Aber warum die Obrigkeit gerade ihn ausgesucht hatte, im Namen des Führers fünfzehn schwangere Frauen auf den Weg durch das  Ruhrgebiet bis in die Abgeschiedenheit des Teutoburger Waldes zu begleiten, um beschützt vom Schwert des Hermanndenkmals, das  siegessicher zu den Sternen zeigte, in Ruhe die Geburt ihrer Kinder abzuwarten, war ihm rätselhaft. Zu dieser Aufgabe fühlte er sich nicht berufen, auch wenn seine eigene Frau unter den Schwangeren weilte.
Äußerlich ruhig, fast gleichmütig standen die Frauen klaglos am Bahnsteig in Recklinghausen und fügten sich in ihr Schicksal. Aus allen Himmelsrichtungen der von Luftangriffen bedrohter Städte angereist, vertrauten sie sich wortlos seiner Obhut an und warteten mit ihm auf den Zug, der sie erst einmal nach Dortmund bringen sollte. Von dort aus ging die Fahrt weiter nach Hamm, von Hamm über Altenbeken in den Teutoburger Wald. Es lag in der Hand der Feinde, wie schnell sie ihr Ziel erreichen würden. Lief alles nach Plan, würden sie die regelmäßig von Bomben heimgesuchten Industriegebiete Westfalens bei Einbruch der Dunkelheit weit hinter sich gelassen haben und führe kein Militärtransport über ihre Strecke, dem sie weichen müssten, wären sie noch vor Anbruch des nächsten Tages am Ziel.
  Indem Kurt skeptisch die unterschiedlich dicken Bäuche der Schwangeren betrachtete, betete er inständig, dass sich auch nicht eine von ihnen verrechnet hätte und wirklich alle erst im sechsten oder siebenten Schwangerschaftsmonat wären und keine von ihnen unter seiner Obhut ihr Kind gebären würde.
  Seit sechzehn Jahren kannte er Hetti und in mancherlei Situationen verwirrte ihr Verhalten ihn immer noch. Seine temperamentvolle Frau nahm gelassen alle Unwegsamkeit auf sich, die die Schwangerschaft in dieser unruhigen Zeit und in ihrem Alter mit sich brachte. Er war schon seit Jahren davon überzeugt, ihre Ehe blieb kinderlos und es gefiel ihm, dass Hettis Aufmerksamkeit ihm allein gehörte und dann, als die Luftangriffe im Ruhrgebiet vermehrt geflogen wurden, Tag und Nacht auch ihre Stadt zum Ziel nahmen, sie fast jede Nacht im Luftschutzkeller verbrachten und er sich nicht darauf verlassen konnte, dass sie auch in den Zeiten, in denen er seinen Dienst versah, rechtzeitig in den Bunker lief und den Beutel mit allen wichtigen Papieren, den er ihr immer zurecht legte, mitnahm, teilte Hetti ihm in einer der kostbaren ruhigen Stunden glückstrahlend mit, sie sei schwanger.
  Jetzt würde sie fortgehen. Ärger und Aufregung über Stoffreste und Garnrollen, die trotz seiner ständig zum Ausdruck gebrachter Missbilligung auf dem Tisch und auf den Stühlen herum lagen blieben ihm erspart. Wenn er nach seiner zwölfstündigen Nachtschicht  müde und ausgelaugt in seine Wohnung käme, würde Ordnung herrschen.
Zorn stieg ihn ihm auf, wenn er in Hettis entspanntes ruhevolles, ja, glückliches Gesicht sah. Die Trennung schien sie nicht zu berühren. Alles drehte sich nur um ihr ungeborenes Kind, von dem sie überzeugt war, dass es ein Junge sei und sie ihn Simon nennen wollte. Er protestierte. In seiner Familie hießen die Männer August, Heinz und Fritz – aber Simon? Wie kam sie auf diese ausgefallene Idee? Und warum betonte sie den Namen so eigenartig? Sollte wohl französisch klingen. Auf seine Frage zuckte sie nur mit den Schultern und sah ihn verträumt an.
„Du wirst schon sehen, der Name wird zu ihm passen!“ Was sollte er mit dieser Antwort anfangen. Unwillig drehte er sich um und sah erleichtert, der Zug fuhr im Bahnhof ein.
Der Führer besaß ein Herz für Kinder, verehrte ihre Mütter und hatte dafür gesorgt, dass es ihnen in der Fremde an nichts fehlen würde. Schließlich wollte er die Welt verändern  und würde zum Erlangen seiner Ziele auch in zwanzig Jahren noch treu ergebene Kämpfer benötigen.
  Bereits beim Antritt der Fahrt erkannten die Frauen die ihnen entgegengebrachte Achtung und Fürsorge. Auf dem Bahnsteig standen Helfer bereit, die ihnen beim Einsteigen in den reservierten Waggon behilflich waren und das Gepäck verstauten. Nachdem sie auf dem Bahnsteig bereits ihre Meinung über die Reisegefährtinnen gebildet hatten, bei der einen Sympathie und der anderen Abneigung empfanden, versuchte jede ihren Platz so einzunehmen, dass sie für die Reisezeit eine angenehme Gesprächspartnerin an ihrer Seite haben würde und es dauerte nur einen kurzen Augenblick, bis alle ihre Plätze eingenommen hatten. Nur Kurt lief noch hektisch den Bahnsteig hinauf und hinab, „Ist alles eingepackt. Hat keine von euch etwas vergessen?“
   Als er sich vergewissert hatte, dass weder Gepäckstücke noch Schwangere auf dem Bahnsteig standen, lief er durch den Waggon, zählte die ihm von seinem verhassten Führer anvertrauten Frauen, stellte befreit fest,
„Alle im Zug!“ und ließ sich erschöpft auf die Sitzbank fallen.
Schweiß rann von seiner Stirn. Sobald eine Frau auf ihrem Platz ein wenig hin- und her rutschte stieg sein Blutdruck in schwindelerregende Höhen. Bei jedem Rumpeln, dass das gleichmäßige Rattern des Zuges aus dem Takt brachte und von den harten Holzbänken ungedämpft auf die Reisenden übertragen wurde, schoss Kurt in die Höhe. In seiner Vorstellung musste das heftige Schütteln auf den vielfach ausgebesserten Schienensträngen bei den meisten der Frauen vorzeitige Wehen auslösen. Weiter wagte er nicht zu denken.
   An der ersten Station stieg eine Gruppe junger Soldaten in den Zug und Kurt dünkte es, sie suchten zielstrebig den Kontakt zur Weiblichkeit. Die ersten setzten sich bereits in die Nähe der Frauen, deren reizende Erscheinung und einnehmendes Lächeln eine kurzweilige Fahrt versprach, als die noch einen Platz suchenden in ihrer Bewegung inne hielten und beklemmende Stille einkehrte, nur unterbrochen vom Klang der Räder.  Die Männer nickten sich zu, vermieden es die Frauen anzusehen und murmelten verlegen einen Gruß und während sie sich wieder der Tür zu wandten, durch die sie erst vor ein paar Minuten das Abteil betraten, murmelte der mutigste von ihnen in Kurts Richtung,
  „Wir sind im falschen Waggon!“ und geschlossen verzichteten sie auf die Unterhaltung der Frauen. Das war zu viel der Weiblichkeit.
Die Soldaten fanden Kurts Verständnis. Angesichtes der geballten Ladung dicker Bäuche und bebender Busen hätte er ohne zu zögern jede sich ihm bietende Möglichkeit genutzt in ein anderes Abteil zu flüchten. Wie groß war schon sein Unbehagen, wenn Hetti ihn aufforderte, seine Hand auf ihren Bauch zu legen, damit er die Bewegung des Kindes spüren und seine täglich zunehmende Kraft gewahren konnte.
   Zwei Marinesoldaten betraten das Abteil, sahen in den Augen der Frauen den Wunsch nach Ablenkung, setzten sich in ihre Mitte und es dauerte nur eine kleine Weile, schon erzählten sie erheiternde Vorkommnisse aus ihrem Soldatenleben. Kurt schüttelte unwillig den Kopf. So vergnüglich konnte das Leben bei der Marine nicht sein! Da hatte er anderes gehört. Aber die Frauen ließen sich von den Erzählungen der jungen Männer beeindrucken und lachten mit ihnen, für den Augenblick von Sorgen befreit. Als die Gruppe in Dortmund aus dem Zug stieg und auf den Anschlusszug wartete, schienen sie wie ausgetauscht. Kurt kannte die Frauen kaum wieder, und hätte nicht seine Unsicherheit und Verlegenheit und der dicke Kloß, der seit einigen Tagen unverrückbar fest in seiner Kehle steckte, ihn daran gehindert, er hätte in das gemeinsame Lachen eingestimmt, um den unbeschwerten Moment mit seiner Frau zu teilen, statt skeptisch den Wahrheitsgehalt der Geschichten zu hinterfragen und immer wieder unwillig seine Frau anzusehen, die von allen am überschwänglichsten lachte.
  Entsetzt vernahm Kurt das gehasste Signal der Sirenen, die einen bevorstehenden Luftangriff ankündigten. Schon als er den Auftrag erhielt, die Frauen zu begleiten, war ihm bewusste, dass dies nicht ohne Störungen möglich sein würde. Und jetzt das! Ein Bombenalarm am frühen Morgen! Gegen seinen Willen sprach er im Stillen den beiden Marinesoldaten, die höchstens dreiundzwanzig, vierundzwanzig Jahre alt waren, seinen Respekt aus, die Ruhe bewahrend die Frauen mit ihrem Gepäck in die unteren Stockwerke des Bahnhofs geleiteten. Kaum hatten alle einen einigermaßen bequemen Platz gefunden wurde weiter geschnattert und gelacht und als die Frauen erfuhren, die jungen Männer würden im selben Zug weiterfahren wie sie, kannte der Jubel keine Grenzen. Begeisterte Zustimmung fand Hettis Vorschlag sich mit dem Vornamen anzureden und das Barrieren aufbauende „Sie“ gegen ein freundschaftliches „Du“ einzutauschen. Kurzerhand wurden die jungen Soldaten aufgefordert sich am Austausch ihrer Lebensgeschichten zu beteiligen und die Reisegesellschaft erfuhr, Hardy und Mattei kannten sich seit den frühen Kindertagen, meldeten sich beide schon vor Beginn des Krieges zur Marine, wurden zu Funkern ausgebildet und die Erfordernisse der Zeit brachte sie kürzlich zur selben Einheit.
   Nahm Kurt während des Bombenalarms auch die Hilfe der jungen Leute dankbar an, änderte er seine Einstellung zu ihnen nicht und hoffte, die Verteilung der Plätze im nächsten Zug würde die Weiterfahrt der Fremden in
seinem Abteil unmöglich ....

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